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Nachruf Christian Dittrich

cdittrich

Rembrandt und einer der Seinigen.
Zum Tode von Christian Dittrich (2. Dezember 1934 – 2. Juli 2016)

Bereits seinen Tod am 2. Juli 2016 in aller Abgeschiedenheit scheinen nur wenige überhaupt in Dresden vermerkt zu haben. Umso mehr ist an den Kunsthistoriker und Museumsfachmann Christian Dittrich zu erinnern, der seit 1964 am Kupferstich-Kabinett Dresden tätig war und der sich zu Zeiten der DDR vor allem als Kenner der niederländischen Zeichenkunst und Graphik auch international einen Namen gemacht hat. Es waren jene fachlich ausgewiesenen Wissenschaftler wie Christian Dittrich, die über die Jahrzehnte hinweg unter der Ägide des genialen Generalisten Werner Schmidt den Ruf des Dresdener Kupferstich-Kabinett hinter dem Eisernen Vorhang als ausgewiesener Forschungsstädte sui generis in der kunsthistorischen Fachwelt zu begründen und durch die kontinuierliche Arbeit zu sedimentieren verstanden. Sofern Christian Dittrich nicht jenes persönliche Charisma eines Werner Schmidt besaß und ihm jedes Kokketieren mit der eigenen wissenschaftlichen Arbeit (seine Publikationsliste umfasst über 120 Werke) und jede Form einer öffentliche Selbstinszenierung geradezu verhasst war, war es nahezu unausweichlich, dass der Name Christian Dittrich nach dem Ausscheiden aus dem Dient der Staatlichen Kunstsammlungen nur noch wenigen Kollegen in Erinnerung blieb. Die Einsicht der Altvorderen, dass das Vergessen eines Menschen seinem zweiten Tode gleichkommt, scheint sich daher auf erschreckende Weise zu bestätigen.
Die Forschungsschwerpunkte von Christian Dittrich waren vielfältig: Nach seinem Studium an der Humboldt-Universität in Berlin (u.a. bei Werner Sumowski) galt seine Dissertation 1978 dem thüringischen Lokalkünstler Seivert Lammers; schnell folgte dann die Zuwendung zu allen großen Zeichnungs- und Graphikkünstler wie etwa Lucas van Leyden, Jacques Callot und eben zu dem niederländischen Ausnahmekünstler Rembrandt, dessen graphisches und zeichnerisches Werk Dittrich zeit seines Lebens fundierte Studien gewidmet hat – er wurde damit im Goethe’schen Sinne tatschlich einer der „Seinigen“. Aber auch den zeitgenössischen Künstlern in der DDR, die nicht unbedingt staatstragend waren, galt die Aufmerksamkeit: Werkverzeichnisse zu Curt Querner und dem Tafelwerk Hermann Glöckners sowie Ausstellungskataloge etwa zu Max Uhlig machten die kunstinteressierte Öffentlichkeit mit nicht parteikonformen, d.h. sehr individuellen künstlerischen Positionen vertraut. Die Voraussetzung hierfür war, dass Werner Schmidt das Dresdner Kabinett vor jeder propagandistischen Vereinnahmung von Seiten der Parteioberen schützen konnte. Ein zweiter Forschungsschwerpunkt Dittrichs galt der Dresdner Sammlungsgeschichte mit ihren beiden Initiatoren Johann Heinrich von Heucher sowie Carl Heinrich von Heineken, dem Begründer der Kupferstichkunde in Deutschland. Beiden Wissenschaftlern widmete Dittrich eine Vielzahl von Aufsätzen, die heute zum Fundament jeder Institutionsgeschichte des europäischen Kunstmuseums gehören. Eine Auswahl dieser Aufsätze ist anlässlich des 75. Geburtstages von Dittrich in einem Sammelband vereint worden.
Darüber hinaus aber war Christian Dittrich der Ansprechpartner für all diejenigen Zeichnungsforscherinnen und Forscher aus Europa und Amerika gewesen, die es im Rahmen ihrer Forschungsstudien zur Zeit der DDR auch nach Dresden gelockt hatte – und es waren ihrer nicht wenige. Allen großen Zeichnungsexperten hat Dittrich als profunde Kenner der europäischen Zeichenkunst und als hilfsbereiter Kollege die Schätze „seiner“ Sammlung in den Räumen des alten Kunstgewerbemuseums in der Günzstraße dargelegt, jenem nach dem Kriege vom Kupferstich-Kabinett bezogenem Provisorium, dass dann über 50 Jahre währen sollte. Den Umzug der Sammlung in das wieder aufgebaute Stadtschloss 2004 gehörte dann nicht mehr in den Aufgabenbereich Dittrichs, der 2001 als Oberkonservator aus dem Amt schied. Seine beiden letzten großen Forschungsprojekte konnte Dittrich selbst noch erfolgreich abschließen: In der großen Rembrandt-Ausstellung 2004 hinterließ er der Forschung sein wissenschaftliches Testament, indem er jene Zeichnungen Rembrandts im Dresdner Bestand festlegte, die seinem kritisch-kennerschaftlichen Auge weiterhin als eigenhändig galten. Und auch das Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen von Hermann Glöckner, der nun auch im Städel zur kunsthistorischen Ehren gelangt ist, konnte Dietrich zusammen mit Rudolf Mayer zum Abschluss bringen. Die 2009 erfolgte Aufhebung des Direktorats für das Kupferstich-Kabinett verfolgte Dittrich mit dem ihm durchaus eigenen Grimm, umso mehr war er über die erst kürzlich erfolgte Rückgängigmachung dieser bis heute unverständlichen Entscheidung erleichtert.
Das Fragen der Ästhetik auch immer Fragen der Ethik waren, und diese gerade das individuelle Verhalten in integrer Weise auch unter dem Diktat eines totalitären Staates zu bestimmen haben, davon war Christian Dittrich Zeit seines Lebens überzeugt. Nie hat er sich dem Regime angedient und anderen Menschen Unrecht zugefügt. Seine aus der Distanz zum politischen Alltagsgeschehen erwachsene geradezu stoische Lebens- und Arbeitsweise war die Voraussetzung dafür, in seinen Schriften ein Ideal einer von in der kritischen Auseinandersetzung jederzeit überprüfbaren Wahrheit zu etablieren, das der staatstragenden Ideologie und Rhetorik auch im Bereich der Wissenschaft stets zu opponieren vermocht hat. Der Kunsthistoriker Dittrich gehört somit zur Wissenschaftsgeschichte der DDR, die in ihren einzelnen Verquerungen und individuellen Verzagungen der agierenden Personen eben noch zu schreiben ist. Eine solche Geschichte würde dann auch Wissenschaftler wie Christian Dittrich vor ihrem zweiten Tode, dem Vergessens, bewahren helfen. Sie haben es allemal verdient. Wir sagten es bereits: am 2. Juli 2016 ist Christian Dittrich nach langer Krankheit in Dresden verstorben.

Thomas Ketelsen

  2016  /  Aktuelles  /  Letzte Änderung April 5, 2017 von Martin Schuster  /